All jenen, die wissen, dass korrektes Schreiben und flüssiges Lesen das Fundament für jegliche Bildungsprozesse sind, dürfte das klar sein. Es ist ein schwacher Trost, Autokorrekturprogramme nutzen zu können oder gar jeglichen Text gleich ganz von der KI schreiben zu lassen, wenn man das, was unsere schriftbasierte Welt zusammenhält, selbst eigentlich gar nicht so richtig durchschaut.
Leider ist das bei immer mehr Kindern aber der Fall: Die Rechtschreibung ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln, das sie nicht selten mit klugen Ideen zu öffnen versuchen. Ohne die notwendige Anleitung und Unterstützung von uns Großen scheitern diese Bemühungen aber in der Regel, worauf Frust eine logische Reaktion ist.
Viele Kinder geben sich nicht damit zufrieden, einfach etwas auswendig zu lernen, sondern wollen wissen, warum „Kälte“ und „Kelle“ so ähnlich klingen, aber so unterschiedlich geschrieben werden. Genau dieses „Wissen-wollen“ macht Bildung aus – deshalb sollte man die nur vermeintlich lästige Rechtschreibung in ihrer Rolle für echten Bildungserfolg nicht unterschätzen.
Es hilft also wenig, sich mehr überheblich als konstruktiv über mangelnde Rechtschreibfähigkeiten der Mitmenschen zu mokieren. Entscheidend ist, ob man sich selbst mit den Hürden, die unsere Orthographie nun einmal bereithält, auseinandersetzen möchte und sich nicht damit zufriedengibt, Sprache und Schrift samt Regelwerk halbwegs zu beherrschen. Ganz entscheidend ist aber auch, ob man, sei es als (Groß-)Eltern oder Lehrkraft, es als eigene Verantwortung ansieht, solches Bemühen auch von seinen Schützlingen einzufordern – in deren ureigenem Interesse.
Guter Rechtschreibunterricht und wirkungsvolle Förderung bringen Kinder und Inhalte zusammen. Wie genau das aussehen kann, zeigt das Lernserver-Bildungsprojekt.
Bereits im Jahr 2021 verfehlte fast jeder dritte Viertklässler die Mindeststandards in der Orthographie. Das bedeutet nicht weniger als eine massive Gefährdung gesellschaftlicher Verständigung. Die Ahnung, dass hier gerade eine Gesellschaft ihre Sprache verliert, ist kein Alarmismus, sondern berechtigte Sorge.
Gymnasien, an denen Klassenarbeiten wegen flächendeckender Rechtschreibschwierigkeiten durch andere Prüfungsformate ersetzt werden, Viertklässler, die noch keine ganzen Wörter schreiben können, aber auch erschrockene Eltern, die wegen guter Grundschulnoten gar nicht wussten, dass ihr Kind eigentlich über nur rudimentäre Rechtschreibkenntnisse verfügt.
Das Lernserver-Bildungsprojekt wertet jährlich Rechtschreibtests von Kindern aller Schulformen in ganz Deutschland aus. Dabei zeichnet sich nicht nur ein wachsender Anteil von Schülern ab, die kaum über schriftsprachliche Kenntnisse verfügen, sondern auch ein deutlicher Leistungsrückgang im Mittelfeld. Dieser Entwicklung gilt es unbedingt entgegenzuwirken.
In all der Dramatik liegt aber auch eine große Chance: Wenn eine solche Selbstverständlichkeit wie eindeutiges Schreiben ins Wanken gerät, lohnt es sich, manches neu zu denken.
Wie also lässt sich Kindern zielführend helfen, die nun einmal nicht in der Grundschule von Anfang an richtig geschrieben haben, sondern jahrelang alleingelassen wurden? Wie lässt sich die Auseinandersetzung mit der Form unserer Schriftsprache vernünftig verbinden mit dem Inhaltlichen? Wie lässt sich über eine gute, wirkungsvolle und kluge Rechtschreibförderung die Stellung des Kindes zu seiner eigenen Bildung verändern? Und wie wird das gemeinsame Aufschlüsseln unseres Schriftsystems zu einer richtig feinen, unterhaltsamen Sache?
Rechtschreibförderung und all die „schönen“ Seiten der Schriftsprache, wie Ausdruck, Kreativität, Präzision, sind kein Gegensatz. Im Gegenteil: Sie greifen wunderbar ineinander. Wenn man das verstanden hat, wird sowohl die schulische als auch die außerschulische Begleitung von Kindern etwas, das wirkungsvoll ist und gerade deshalb Freude macht.
Gerade in einer sich rasant verändernden Welt spielen Schulnoten eine zunehmend untergeordnete Rolle. Entscheidend sind tatsächliches Können, echtes Wissen und ein solides Fundament, auf dem sich aufbauen lässt. Die Rechtschreibung ist davon fester Bestandteil – als Basis für Kommunikation und Austausch in einer schriftbasierten Welt.
Dieses Fundament zu sichern, hat absolute Priorität, in der Grundschule, aber auch in der Sekundarstufe, wenn nötig. Die Zeit, die dafür benötigt wird, könnte wertvoller nicht eingesetzt werden.
Maria-Valentina Westermann